Relikte des Alten Rathauses: Moderner ÖPNV und unersetzliches Kulturerbe lassen sich in Einklang bringen

2. Bürgerforum Historische Mitte Berlin – Beobachtungen und Anmerkungen von GTIV-Präsident Dirk Pinnow

[Auf dem Campus, 25.05.2011] Das zweite Bürgerforum Historische Mitte Berlin fand am 24. Mai 2011 in die Marienkirche statt:
Der Initiator des Bürgerforums, Klaus Hartung, gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass nach dem guten Auftakt vom 29. März 2011 auch am Ende ein guter Ausgang stehen werde. Auf Seiten der Berliner Landesregierung sei immerhin Gesprächsbereitschaft zu erkennen, so sein Fazit zu dem bisherigen Briefwechsel mit dem Regierenden Bürgermeister. Indes sei aber eine umfassende Grabungskampagne unverzichtbar, weshalb Hartung ein Moratorium fordert, um der Archäologie Priorität einzuräumen. Im Kontext der anstehenden Berliner Abgeordnetenhauswahlen gelte es, die Parteien zu diesbezüglichen Wahlaussagen zu bewegen – deren bisheriges Schweigen kritisierte Hartung, dankte der BVG für die Bereitschaft zum Austausch und betonte, dass der Umgang mit dem historischen Erbe der Stadt eben eine in die Zukunft Berlins weisende Frage sei.
GTIV-Präsident Dirk Pinnow, zugleich Repräsentant des Vereins für die Geschichte Berlins e.V., erinnert hierzu nochmals an seine Aussage zur Auftaktveranstaltung, wonach sich neben der vordergründig wissenschaftlichen Bedeutung auch die symbolische eröffne, die zur Sinnstiftung und ideellen Verortung der Fundstätte und ihrer Region in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beitragen könne. Pinnow begrüßt daher, dass Dr. Helmut Maier für das Bürgerforum zum Eingang seiner Ausführungen die Notwendigkeiten des Lückenschlusses der U5 zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor mit einer Haltestelle am Berliner Rathaus betonte. Sodann stellte Dr. Maier eine Lösungsmöglichkeit vor, die eine fast vollständige Erhaltung der noch vorhandenen Überreste des Alten Rathauses von Berlin erwarten lässt und zugleich der Anbindung des Nikolaiviertels dienlich wäre – laut Dr. Maiers Ausführungen könnte der in dem modifizierten, aktuellen Entwurf der BVG entfallene südwestliche Zugang an der Kreuzung Rathaus-/Spandauer Straße durch eine Verlegung in das Nikolaiviertel doch realisiert werden. Hierzu müsste lediglich die Spandauer Straße unterquert werden. Ferner stellte Dr. Maier die Option vor, einen direkten Zugang vom heutigen Berliner Rathaus zur „Tuchhalle“ des Alten Rathauses über den ehemaligen, heute nicht genutzten „Ratskeller“ zu schaffen. Schließlich erörterte er die Möglichkeit, den begehbaren Fundort mit einer modernen Glasüberdachung oder aber gar mit einer textilen Dachkonstruktion in Anlehnung an die ursprüngliche Gewölbedecke auszustatten. Ein „Archäologisches Fenster“ von der U-Bahnstation zum Fundort aber würde aufgrund des Platzbedarfs zu weiteren Zerstörungen führen und wohl die Funde allmählich in Bedeutungslosigkeit verstauben lassen. Dr. Maier plädierte für eine Nutzung des Raumes, sei es für Veranstaltungen des Senats oder aber als „Infobox“.
Auch Moderator Willo Göpel vom Bürgerforum stellte mehrfach die Position des Bürgerforums klar, dass die Funde nicht weggeschlossen werden sollten, sondern als Erlebniswelt erfahrbar sein müssten. Zur Komplettierung des Ensembles sollte auch die Gerichtslaube aus Babelsberg an den Ursprungsort zurückgeführt werden.

Urheber: Konstantindegeer (GNU-Lizenz für freie Dokumentation)

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Berlin: Reste des Alten Rathauses (30. Oktober 2010)

Zum Abschluss stellte Dr. Benedikt Goebel die sechs zentralen Forderungen des Bürgerforums einzeln vor und bat um eine Votum der Versammlung. Der Berliner Stadtkern zwischen Spreekanal und Stadtbahntrasse (d.h. Alt-Berlin und Alt-Cölln) soll als besonderes Planungsgebiet ausgewiesen werden. Hierzu soll es dann auch eine ständige öffentliche Ausstellung zur Geschichte und zu den aktuellen Planungen geben („Informationszentrum Berliner Stadtkern“). Bauforschung und eine unverzügliche Grabungskampagne müssen Priorität erhalten, damit wichtige Spuren der Stadtgeschichte fortan in die Planungen integriert werden. Insbesondere gilt es, die Reste des mittelalterlichen Rathauses und der Gerichtslaube umgehend vollständig freizulegen. Für weitere Planungen wird ein Moratorium gefordert, damit die laufenden archäologischen Grabungen vollständig ausgewertet werden können. Schließlich sollen die Pläne für die U5-Station „Rathaus“ so modifiziert werden, dass die Relikte des Alten Berliner Rathauses vollständig erhalten werden können. Sämtlichen sechs Punkten stimmte die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer zu. Dr. Goebel dankte für diese deutliche Unterstützung und lud zu den Folgeveranstaltungen ein – so stehen am 23. Juni 2011, wiederum 19 Uhr in der Marienkirche, erneut das Alte Rathaus, aber auch die Bebauungspläne für die Breite Straße sowie das Redevco-Projekt (sechsstöckiges Geschäftshaus am Fuße des Fernsehturms) im Fokus.
Natürlich gebe es rechtliche und technische Rahmenbedingungen, die den Gestaltungsspielraum bestimmen, so Dirk Pinnow in seinem Fazit. Die Krümmung der Gleise und deren Tiefenlage etwa sind nicht beliebig wählbar; die Unterquerung der Spree und des Kupfergrabens stellt ohne Frage besondere Anforderungen an den Bau. Jörg Seegers, BVG-Projektleiter des U5-Lückenschlusses, gebühre auch Dank für sein Auftreten und die Darstellung des gegenwärtigen Planungsstandes. Aber letztlich habe Dr. Goebel mit Recht darauf verwiesen, dass es sich vorrangig um eine politische Frage handele. Vermeintliche oder auch tatsächliche „Sachzwänge“ müssten im Kontext der politischen Vorgaben diskutiert werden. Wenn die Landesregierung wirklich erkennen würde, welch einzigartige Chance es wäre, diese bedeutenden mittelalterlichen Funde erlebbar in den urbanen Raum des 21. Jahrhunderts einzubinden – als ideellen Kristallisationspunkt der Metropole Berlin, an dem Handel, Rechtsprechung und Verwaltung ihren Ausgang nahmen –, dann könne es doch nicht an wenigen Metern Erdreich scheitern, ein notwendiges modernes ÖPNV-System gerade an diesem symbolträchtigen Ort mit der vollständigen Bewahrung dieses unermesslichen Kulturerbes in Einklang zu bringen. Hierzu müsse man sich durchaus von den engen selbstverliebten bürokratischen Denkweisen der letzten Jahrzehnte verabschieden und sich an dem Aufbruchsgeist orientieren, der Berlin einst zur Metropole werden ließ – hätte man in der Gründerzeit oder in den 1920er-Jahren ähnlich ängstlich und kleinteilig gedacht, gäbe es heute weder das Berliner S-Bahnnetz in dem Umfang noch die BVG. Es sei schade wie bezeichnend, so Pinnow, dass eine Anmerkung aus dem Auditorium, sich bei der Ausgestaltung der U-Bahnstation am Berliner Rathaus von der damaligen Architektur – ähnlich der U7-Station „Zitadelle“ – inspirieren zu lassen, von dem Architekten aus dem Hause Collignon so brüsk abgetan worden sei. Die Behauptung, eine bauliche Annäherung an die beiden Vorbilder aus dem Mittelalter und dem 19. Jahrhundert sei „Kitsch“, sollte einer Prüfung unterzogen werden, denn wie sollte etwa der vorliegende Entwurf im typischen grauen und funktionalen 1990er-Jahre-Design dann bewertet werden? „Kitsch“ wiederhole doch dem Betrachter bereits Geläufiges, während sich ein Kunstwerk durch Originalität auszeichne – zudem sei „Kitsch“ durch eine leichte Reproduzierbarkeit gekennzeichnet… Aber es sei falsch, jetzt argumentativ auf die BVG-Projektleitung und den Architekten zu fokussieren, die ja eben politischen Vorgaben zu folgen hätten. „Nunmehr, gerade im Wahljahr 2011, muss die Berliner Bürgerschaft ihr Selbstverständnis auf kulturellem Gebiet klären und der Politik gegenüber deutlich machen, wer der eigentliche Souverän einer Gebietskörperschaft ist! Wenn Politik und Verwaltung nicht regelmäßig daran erinnert werden, vergessen diese es zu leicht und es kommt zu Fehlentwicklungen, deren schädliche Auswirkungen über Jahrzehnte oder gar für immer zu spüren sein werden.“, warnt Pinnow. Das Bürgerforum Historische Mitte Berlin habe innerhalb kürzester Zeit mit Erfolg ein konstruktives Anliegen in die Berliner Öffentlichkeit getragen und damit zur Sensibilisierung für die symbolische Wertedimension rarer archäologischer Relikte beigetragen – deren Zerstörung oder aber eben Bewahrung und Nutzung maßgeblich für die Identität der Stadt im weiteren 21. Jahrhundert sein wird.

Weitere Informationen zum Thema:

Berliner Partner, 30.03.2011
Bürgerforum Historische Mitte Berlin: Auftaktveranstaltung unterstreicht Bürger-Verantwortung für historisches Erbe / Ein Bericht von GTIV-Präsident Dipl.-Ing. Dirk C. Pinnow

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