James Hobrecht: Ein Ingenieur und seine bleibenden Spuren in Berlin

140 Jahre Berliner Stadtgüter im Fokus des 7. IndustrieKulturAbends am 8. November 2013

[Auf dem Campus, 15.11.2013] Zum siebten „Abend zur Industriekultur in Berlin-Brandenburg“ begrüßte Prof. Dr. Klaus Dettmer, der Vorsitzende des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs (BBWA), die Versammlung, darunter auch Peter Hecktor, Geschäftsführer der landeseigenen Berliner Stadtgüter GmbH.

Professor Dettmer führte aus, dass sich das BBWA nicht nur als Sammelstelle für historische Dokumente zur regionalen Wirtschaft verstehe, sondern auch durch Projekte und Veranstaltungen das Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge wecken wolle. Er empfahl daher auch den Besuch der Ausstellung „140 Jahre Stadtgüter / Entdecke die neuen Berliner Stadtgüter“ in der WasserGalerie der Berliner Wasserbetriebe.
Der IndustrieKulturAbend wird in der Regel zweimal jährlich vom BBWA in Kooperation mit dem Verein für die Geschichte Berlins (VfdGB) veranstaltet.

Foto: Björn Berghausen

Foto: Björn Berghausen

Im Zeichen von Hobrecht: 7. „Abend zur Industriekultur in Berlin-Brandenburg“


Die nachhaltige Wirkung des Hobrecht-Plans

Zu Beginn seines Vortrags „Der Ingenieur als Städtebauer – James Hobrecht, sein Plan, die Kanalisation und die Berliner Stadtgüter“ erklärte Prof. Dr. Hans Stimmann, Senatsbaudirektor a.D., dass es schon eine Herausforderung sei, vor einem so kenntnisreichen Publikum zu sprechen. Das Thema Stadtwerke sei heute im Zuge der Energie-Diskussion wieder hochaktuell.

Neubewertung der Gründerzeit
Er entdecke eine Renaissance des Städtischen. Jedenfalls seien heute Gründerzeit-Wohnungen wieder sehr nachgefragt, es gebe gar Lobgesänge in der Presse auf „Stadtquartiere“ – früher waren diese über Dekaden als „Mietskasernen“ verschrien und verachtet. Viele Politiker hatten in beiden Teilen des geteilten Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg für deren rigorosen Abriss plädiert.
Heute nun, so Professor Stimmann, komme es hingegen zum Abriss vieler Nachkriegsbauten, um Platz zu machen für „Stadthäuser“ mit Gründerzeit-Anmutung. Es sehe einen Trend zur Aufhebung der Entmischung, dafür zu mehr Verdichtung und Funktionsmischung, auch zu einer Durchmischung der Schichten und Generationen – als Abwehr der befürchteten „Gentrifizierung“. Man bemühe sich vielfach um eine Rekonstruktion der alten Stadtgrundrisse.
Indes erkenne er auch eine tragische Komponente dieses Bemühens: Niemand mehr könne sich heute den Gründerzeit-Baustil in aller Konsequenz leisten, so dass man sich mit einer preiswerteren Nachempfindung begnügen müsse.
Insbesondere sei heute wieder die Gründerzeit-Geschosshöhe sehr begehrt und moderne Bauten wiesen Anklänge an Stuckverzierungen auf; noch vorhandener ornamentaler Stuck in Altbauten werde wenn möglich wiederhergestellt. Ferner sei ein Trend zur Umnutzung rekonstruierter Gewerbegebäude zu verzeichnen.

Hobrecht: Verachtet, vergessen und wiederentdeckt
Professor Stimmann kennzeichnete Hobrecht als national-konservativ. Dieser habe damals quasi eine Senatorenfunktion innegehabt. Bezeichnend sei, dass man nach Hobrecht – anders als etwa nach Bruno Taut oder Walter Gropius – weder ein Quartier noch einen Architektenpreis benannt habe.
Heute sei Hobrecht als Persönlichkeit vielen Bürgern unbekannt – während seine Spuren im Berliner Stadtbild zum Teil sogar Kultstatus gewonnen hätten. So gälten z.B. die von ihm in seinem Plan vorgesehenen Plätze heute als urbane Treffpunkte. Das einst der Kanalisation dienende Radialsystem V sei heute ein beliebtes Kultur- und Veranstaltungszentrum, dessen historischer Hintergrund jedoch weitgehend völlig unbekannt sei.
Professor Stimmann erinnerte daran, dass Hobrecht seinen Plan in nur drei Jahren, 1859 bis 1862, erstellt hatte und dieser damals vom Berliner Polizeipräsidenten ohne Bürgerbeteiligung amtlich als verbindlich festgesetzt wurde. Sich progressiv Gebende aller Zeiten hatten daher Probleme mit Hobrecht – seine historische Bewertung ist bis heute ambivalent. Das Elend der Arbeiterklasse, wie es etwa von Zille dargestellt wurde, in Gestalt dunkler Hinterhöfe, Emissionen des dortigen Gewerbes oder Kellerwohnungen, wurde und wird Hobrecht bis heute zugeschrieben.
Der Architekturkritiker Werner Hegemann habe mit dem Titel seines Buches „Das Steinerne Berlin. Geschichte der größten Mietkasernenstadt der Welt“ 1930 geradezu einen Kampfbegriff geschaffen – der Hobrecht-Plan sei gar als „Verbrechen an den Berlinern“ gebrandmarkt worden. Mit „steinern“ habe er weniger den Baustoff als die dichte, ungesunde Bebauung kritisiert. Hegemanns Kampfbegriff sei dann auch in der Nachwendezeit wieder aufgegriffen worden. Die Geschichtsunkenntnis einiger Kritiker habe sogar zu einer negativen Deutung des Potsdamer und des Pariser Platzes geführt, weil man deren Entstehung irrtümlich ebenfalls Hobrechts Plan zugerechnet habe. „Das Steinerne Berlin“ sei bereits in Ulrich Conrads 1963 gegründeter Taschenbuchreihe zur Theorie der Architektur und des Städtebaus wieder neu aufgelegt worden – in der Reihe „Bauwelt Fundamente“ (Band 3).
In den 1960er-Jahren wollte man ein neues Bild von Berlin schaffen, kam es zu einer intellektuellen Auseinandersetzung um die Gründerzeit-Mietshäuser als „selbstgebaute Särge“. Die Stalin-Allee, die Fischerinsel, das Hansa-Viertel, das Kulturforum und die Gropiusstadt wurden bewusst als Gegenentwürfe verstanden… Berlin, so Professor Stimmann, könne man somit als großes „Freilichtmuseum für gescheiterte Utopien“ betrachten.
Aber es habe auch schon in den 1960er-Jahren andere Stimmen gegeben, etwa in den USA, welche die alten Quartiere gelobt hätten. In Berlin sei der Pfarrer Dr. Klaus Duntze in Kreuzberg hervorzuheben – dieser habe sich für den Erhalt der Hobrecht-Strukturen in Kreuzberg engagiert. An der TU Berlin sei ein Kongress unter der Fragestellung „Sanierung, für wen?“ veranstaltet worden. In dessen Folge sei es dann zu den sogenannten „Instandbesetzungen“ gekommen. Junge Menschen hätten die Qualitäten der alten Quartiere neu entdeckt. Schließlich sei es zu Sanierungsprogrammen im Sinne einer „Kreuzberger Mischung“ gekommen, mit Wohnen und Arbeiten im selben Gebiet. Damals habe man viele „anarchistische Start-ups“ gegründet, die quasi den Grundstein für Berlins heutige „Kulturindustrie“ gelegt hätten.

Publizistische Denkmalsetzung für Hobrecht
Der Architekturkritiker Jonas Geist habe mit seinem Buch „Das Berliner Mietshaus“ Hobrecht immerhin quasi ein Denkmal gesetzt und Dieter Hoffmann-Axthelm in einem Artikel von 1993 Hobrechts Leistung gewürdigt, weil sich die ganze städtische Komplexität in jedem Quartier abbilde.

Setzung des Ordnungsrahmens ohne Vorgaben von Details
Professor Stimmann machte deutlich, dass Hobrecht forderte, der Staat solle Pläne für die Infrastruktur machen, aber eben keine Vorgaben für die konkrete Ausführung durch Architekten – dies sollte Aufgabe der Privatwirtschaft sein. Damit sei Hobrecht für die frühe SPD zum Feindbild geworden. Hobrechts Plan sei indes ökologisch gewesen und habe bestehende Grundstücksgrenzen geachtet. Das Eisenbahnnetz habe Hobrecht jedoch nicht vorgesehen – die Bahngrundstücke hätten seinen Plan durchbrochen; heute seien sie zum Teil gern genutzte Grünflächen (etwa am Gleisdreieck). Der 1862 festgesetzte Hobrecht-Plan sei ein Entwässerungs- und Bebauungsplan für die sich in kurzer Zeit auf das Vierfache ausdehnende Stadt Berlin gewesen, gültig bis 1919. Bemerkenswert sei dabei die Integration der damals noch selbständigen, reichen Stadt Charlottenburg, gewissermaßen die Vorwegnahme der heutigen „City West“.
Für Hobrecht als Architekt-Ingenieur sei Städtebau bewusst kein Instrument der Ästhetischen Erziehung gewesen, sondern rein ein Fluchtlinienplan. Anzuwenden sei die von 1853 datierende Bauordnung gewesen, mit ihren Mindestmaßen für die engen Hinterhöfe – die Investoren hätten sich damals eben an den Mindeststandards orientiert. Es gehe also weniger um eine bessere Planung als vielmehr um eine bessere Bauordnung.

Hobrecht empfahl „Durcheinanderwohnen“
Hobrecht sei ein Befürworter des Mietshauses gewesen, denn in seinen Vergleichen mit der Situation in England habe er die dortige Segregation, d.h. die räumliche Trennung der sozialen Schichten, als problematisch angesehen. Das „Durcheinanderwohnen“ sei laut Hobrecht 1868 sittlich und staatlich geboten. Professor Stimmann erteilte dann auch der Forderung nach Errichtung von Wohnungen im Sozialen Wohnungsbau auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof eine Absage. Auch dort sei Hobrechts Mischung gefragt.

Unerträgliche hygienische Zustände als Motivation
Die Motivation für Hobrecht und seine Mitstreiter seien die unsäglichen hygienischen und sozialen Bedingungen in Berlin gewesen – man habe die Stadt von allen „Auswurfstoffen“ befreien wollen, die sich bisher in den Rinnsteinen der Straßen gesammelt hätten. Sozialistenführer August Bebel habe dann auch geurteilt, dass Berlin „erst nach dem Jahre 1870 aus dem Zustand der Barbarei in den der Zivilisation getreten“ sei.

Die ambitionierte „Hygiene-Wende“ in Berlin
Analog zur heutigen „Energie-Wende“ könne man die damalige Debatte und Planung der Kanalisation als „Hygiene-Wende“ bezeichnen. Diese sei ein gigantisches Infrastrukturprojekt gewesen. Es habe gelingen können, weil die alltäglich spürbare Not motiviert habe und eine autoritäre Umsetzung möglich gewesen sei.
Es seien gut 17.000 Hektar Rieselfelder im Berliner Umland erworben worden – eine liegenschaftspolitische Herausforderung. Zum Vergleich nannte Professor Stimmann die Fläche des Parks auf dem Gelände des Flughafens Tempelhof: 355 Hektar. Heute wäre Hobrechts Plan kaum in absehbarer Zeit umsetzbar, wenn man bedenke, dass für Tempelhof seit 1999 geplant werde und ein Abschluss noch nicht absehbar sei. Heute herrsche „Verkrampfung und politische Korrektheit“ vor – er empfehle Zurückhaltung und Vermeidung von Bürokratie.

Modifizierter Hobrecht-Plan auch heute aktuell
Natürlich gebe es auch berechtigte Kritik am Hobrecht-Plan: Sein Problem sei die fehlende kleinteilige Parzellierung; man könne sich mehr Phantasie bei der Aufteilung der Liegenschaften wünschen.
Hobrechts Plan müsse heute ergänzt werden, so Professor Stimmanns Fazit – denn dann ließen sich Fehlentwicklungen aufgrund von Spekulationen vermeiden und eine stärkere Mittelstandsorientierung durchsetzen.

Der geschichtliche Brückenschlag: „Vom Stadtgut zum Stadtwerk“

In seinem Vortrag „Vom Stadtgut zum Stadtwerk – neue Impulse für die Stadtentwicklung“ erzählte Harald Wolf, MdA, Wirtschaftssenator a.D., dass er in seiner damaligen Eigenschaft auch die Aufsicht über die Stadtgüter geführt habe und somit Herr über rund 6.000 Milchkühe gewesen sei. Damit sei er quasi Deutschlands größter Milchproduzent gewesen. Die Milchkühe seien dann aber verkauft worden.
Mit der Industrialisierung Berlins im 19. Jahrhundert habe auch eine rasante Urbanisierung eingesetzt – ohne Hobrecht aber wäre die städtische Entwicklung ausgebremst worden, so Wolf, und Berlin wäre zur gigantischen Kloake verkommen, anstatt Industriemetropole zu werden. Die Abwasserentsorgung sei zur dringenden Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge geworden.

Kommunalisierung schon damals auf der Tagesordnung
Am Vortag dieses IndustrieKulturAbends sei übrigens die Rekommunalisierung der Berliner Wasserwerke beschlossen worden – dies sei der damaligen Situation ähnlich, als man die Berliner Wasser-Infrastruktur englischen Eigentümern abgekauft habe.

Neuer wirtschaftsgeschichtlicher Wendepunkt für Berlin
Eine wesentliche Aufgabe der Berliner Stadtgüter sei heute die Freihaltung von Flächen für infrastrukturelle Bau- und Ausgleichsmaßnahmen. Auch heute befänden wir uns an einem wirtschaftsgeschichtlichen Wendepunkt, stehe eine epochale Veränderung an.
Damals im 19. Jahrhundert, an der Wende zum 20. Jahrhundert, hätten fossile Brennstoffe das Treibmittel der regionalen Wirtschaft dargestellt und eine spezifische städtische Struktur hervorgebracht. Zunächst habe die mit Kohle befeuerte Dampfkraft den Aufbau der Montanindustrie vorangetrieben und schließlich das Öl die Automobilität des 20. Jahrhunderts – mit allen noch heute sichtbaren Folgen.
Er erwarte somit im Kontext der zunehmenden Nutzung „erneuerbarer Energien“ für die Zeit nach 2050 einen deutlichen Umbau Berlins, setzte man doch bisher vor allem auf zentrale Energielieferanten, während künftig mit einer Dezentralisierung zu rechnen sei. Energieverbraucher würden oft auch gleichzeitig Energielieferanten sein (sogenannte „ProSumer“ – Produzent und Konsument). So sei mit einer Abkehr von großen Kraftwerkseinheiten zu rechnen.

Intelligentes Management und nicht nur bloßer Vertrieb
Natürlich gebe es noch viele Herausforderungen – so die Zuverlässigkeit der Energiebereitstellung etwa bei Dunkelheit (Solaranlagen) oder Flaute (Windkraftanlagen). Kontinentale Energieflüsse müssten multidirektional werden, man brauche „Smart Grids“ und neue Formen der Energiespeicherung.
Für ein neues kommunales Stadtwerk werde öffentlicher Einfluss benötigt, denn es gehe nicht darum, einen weiteren, x-beliebigen Ökostromanbieter an den Markt zu bringen, sondern einen koordinierenden Manager der öffentlichen Versorgung mit Energie. Mehr als bloß ein Stromhändler zu sein, bedeute die Übernahme des zentralen Managements der „Energiewende“ in der Region. Heute sei allerdings noch eine Zersplitterung der Zuständigkeiten in Berlin zu beklagen.

Neue Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge für die Stadtgüter
Das Flächenpotenzial der Stadtgüter sollte für Solarnergie- und Windkraftanlagen genutzt werden, dann könne Berlin seine Energie auch aus dem ländlichen Raum importieren – dort habe Berlin Flächen, so auch in Gestalt von Deponien. Den Stadtgütern komme nun eine neue Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge zu und sei mit gewaltigen infrastrukturellen Herausforderungen ähnlich jenen im 19. Jahrhundert konfrontiert.
Bis 2016 sollten rund 126.000 Haushalte in Berlin mit „erneuerbaren Energien“ versorgt werden können, bis 2020 etwa zehn Prozent der Bevölkerung der Stadt. Wolf setzte sich auch für eine Bürgerbeteiligung bei den Investitionen ein – eine stabile Preiskalkulation sei möglich. Man sollte jetzt das Zeitfenster nutzen, denn der Markt wandle sich rasant. Die Eigeninvestitionen sollten auch dazu beitragen, die Erlöse der Wertschöpfung in der Region zu halten. Die Berliner Stadtgüter seien immerhin zu 100 Prozent landeseigen. In einer Bewertung müsse man einkalkulieren, dass bisher 350 Millionen Euro pro Jahr EEG-Umlage aus Berlin in andere Bundesländer abflössen, weil es noch nicht genügend erneuerbare Energiequellen in der Stadt gebe. Zudem sollte man den hohen Kaufkraftabfluss für den Erwerb fossiler Energieträger beachten.
Die Stadtgüter seien wichtiger Akteur einer neuen städtischen Energieinfrastruktur in der Zukunft, so Wolfs Fazit.

Foto: Björn Berghausen

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Peter Hecktor, Prof. Dr. Hans Stimmann, Prof. Dr. Klaus Dettmer, Harald Wolf (v.l.n.r.)


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140 Jahre Stadtgüter / Entdecke die neuen Berliner Stadtgüter

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