Industriekultur in Rathenow: Optik-Produktion von 1801 bis heute

Der 19. IndustrieKulturAbend schlug den Bogen von Johann Heinrich August Duncker zum heutigen Touristischen Netzwerk Industriekultur in Brandenburg

[Auf dem Campus, 29.03.2018] Am 23. Februar 2018 fand im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam der 19. IndustrieKulturAbend statt. Der Geschäftsführer des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs e.V. (BBWA), Björn Berghausen, führte durch den Abend und gab den Impuls „Rathenow – die »Stadt der Optik« von Duncker bis heute“. Antje Boshold, Projektkoordinatorin Tourismusverband Lausitzer Seenland e.V., stellte anschließend das Netzwerk Industriekultur in Brandenburg unter der Überschrift „Kulturelles Er-Leben – Industriekultur in Brandenburg“ vor.

Von der Pioniertat 1801 bis zur innovativen Wertschöpfung heute

1801 gründete der Pfarrer Johann Heinrich August Duncker in Rathenow die erste „optische Anstalt“ in Preußen – diese wurde von seinen Nachfahren zu Weltruhm geführt.
Zudem stellte sie eine Art industriellen „Kristallisationskern“ dar: So soll es um 1900 in Rathenow bereits 163 selbstständige Unternehmen der Optik-Branche gegeben haben, welche seinerzeit sämtliche Produktbereiche abdeckten – das Spektrum reichte von Brillen bis hin zur Linsenoptik für den 1898 in Betrieb genommenen Leuchtturm von Warnemünde. Rathenow, zu Dunckers Geburt eine Garnisonsstadt, sei zu einer Art „Silicon Valley“ der Optikindustrie geworden, so Berghausen.
Duncker habe sich früh für Optik interessiert und Mikroskope gebaut. Nach seinem Theologie-Studium in Halle 1789 nach Rathenow zurückgekehrt, sei er mit dem preußischen Einfuhrverbot für Brillen aus Frankreich und Großbritannien konfrontiert gewesen – lediglich aus Nürnberg stammende Brillen seien noch erhältlich gewesen, diese allerdings von minderer Qualität. Duncker habe daher den Leitspruch „Vermeide schlechte Brillen!“ geprägt. Schnell sei die Nachfrage nach seinen Brillen gestiegen und Innovationen hätten die Produktivität erhöht: So habe die von ihm erfundene „Vielschleifmaschine“ elf Gläser gleichzeitig herstellen können. Als Belegschaft seien vor allem Waisenkinder und Invaliden zum Einsatz gekommen. Der preußische König habe Dunckers „Anstalt“ ein Privileg zuerkannt und staatliche Mittel gewährt. Die Produktion von Brillenfassungen sei zusätzlich mit in das Programm aufgenommen worden. 1815 habe man 30 Mitarbeiter gehabt.
Mit der Erkrankung des Gründers sei die Übernahme der Leitung durch dessen Sohn Eduard erfolgt. Man habe Fernrohre und -gläser mit in das Sortiment aufgenommen. Üblich sei dann auch eine „Haustätigkeit“ geworden, d.h. im Rahmen einer Kommissionswirtschaft hätten Handwerker im eigenen Heim produziert.
Schließlich habe Emil Busch, ein Absolvent der Berliner Gewerbeschule, die Leitung übernommen. 1847 sei die erste Dampfmaschine zum Einsatz gekommen, 1851 habe die Belegschaft 130 Personen umfasst und 1872 sei die Firmierung als eine AG vorgenommen worden.
Berghausen wies auf die Konkurrenz aus Jena und Wetzlar sowie auf die Kooperation mit Carl Zeiss, Ernst Abbe und Otto Schott hin. 1932 habe es in Rathenow 260 optische Betriebe gegeben. Im Zweiten Weltkrieg sei die optische Industrie Rathenows in die Rüstung eingebunden worden.
Trotz Zerstörung und Demontage: Auch nach dem Zweiten Weltkrieg sei dort weiterhin „Optikgeschichte“ geschrieben worden. Nach der Enteignung und Firmierung als ein VEB hätten in den Rathenower Optischen Werken über 4.500 Beschäftigte u.a. neben Brillengläsern und Fassungen auch Werkstatttechnik für Augenoptiker und Mikroskope für das In- und Ausland produziert.
Die Deutsche Wiedervereinigung sei die nächste Zäsur gewesen – nach 1990 in Form der Privatisierung der Werke mit zahlreichen Verwerfungen. Aber die Rathenower hätten nicht aufgegeben: Mit rund 1.300 Beschäftigten im Bereich der Augenoptik und des wissenschaftlichen Gerätebaus spielten sie heute wieder in der „1. Optik-Liga“ mit. Die Firma Fielmann z.B. habe 1996 das ehemalige Verwaltungsgebäude gekauft und produziere heute Brillen – am Ort der „optischen Synergie“, in Rathenow.

Björn Berghausen und Antje Boshold

Foto: BBWA e.V.

Referenten des Abends (v.l.n.r.): Björn Berghausen und Antje Boshold

Erlebnisorte und -pfade zur Industriekultur in Brandenburg

Das Touristische Netzwerk Industriekultur in Brandenburg basiere auf den langjährigen Erfahrungen der regionalen „ENERGIE-Route der Lausitzer Industriekultur“, so Boshold. Deren Slogan sei „Vorsicht, Hochspannung! Betreten erlaubt“ – so gebe es derzeit elf Stationen „Energie zum Anfassen“.
Zweck des neuen landesweiten Netzwerks sei es, den industriell geprägten, eng mit der Entwicklung Berlins zur Metropole verbundenen Teil der Brandenburgischen Regionalgeschichte für ein breites Publikum erlebbar zu machen. Insbesondere das sogenannte Lausitzer Seenland gelte es in der Transformation vom Bergbau- zum Tourismusstandort mit der Industriekultur als einstigem Rückgrat vorzustellen. Die touristische Kultur-Route stellt die Region demnach als Teil des Kulturerbes dar, bietet besondere Erlebnisse, heißt Besucher willkommen und erzählt Regionalgeschichte. Die Aktivitäten erfolgten im Kontext der „EUROPÄISCHEN ROUTE DER INDUSTRIEKULTUR“ (ERIH).
„Entdecker-Touren“ z.B. verknüpften das Erlebnisangebot der industriekulturellen Originalschauplätze mit den großen und kleinen Sehenswürdigkeiten der Umgebung und erzählten dabei hochspannende Regionalgeschichte über das Berlin mit Brandenburg Verbindende – neu im Programm seien „Entdecker-Touren“ für Individualreisende.

Weitere Informationen zum Thema:

Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv e.V.
Ein Abend zur Industriekultur in Berlin-Brandenburg / Optische Industrie in Rathenow

OPTIK INDUSTRIE MUSEUM RATHENOW
Eine umfassende Ausstellung zur Geschichte und Entwicklung der optischen Industrie in Deutschland am Ursprungsort Rathenow

OPTIK RATHENOW
Internetdarstellung des Kompetenzzentrums Optik Rathenow e.V.

Touristisches Netzwerk Industriekultur in Brandenburg
Gründungsveranstaltung am 17. Juli 2017 in Potsdam

EUROPÄISCHE ROUTE DER INDUSTRIEKULTUR (ERIH)
Touristisches Informationsnetzwerk zum industriellen Erbe in Europa

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