Weltenretter Stanislaw Petrow: Ein Ingenieur mit Mut, Herz und Verstand

Würdiger Festakt zur Verleihung des „4. Dresden-Preises für Konflikt- und Gewaltprävention“ in Dresden

[Auf dem Campus, 18.02.2013] Zeit und Ort hätten wohl kaum passender gewählt sein können – am 17. Februar 2013 wurde mit einem Festakt in Dresden der Mann ausgezeichnet, der im Heißen Herbst 1983 durch seine Bewertung einer Computermeldung im Interesse der gesamten Menschheit den mit Nuklearwaffen geführten Dritten Weltkrieg maßgeblich zu verhindern half. Ohne Stanislaw Petrow zur rechten Zeit am rechten Ort hätte sechs Jahre später der Kalte Krieg nicht in eine friedliche Wende im damaligen Ostblock einmünden können – und damit in die Deutsche Wiedervereinigung und die Europäische Einigung. Hätte er oder ein Kollege damals anders geurteilt, wäre Deutschlands Einheit in Tod und Zerstörung ultimativ vollendet worden, gäbe es wohl kaum noch menschliches Leben, zumal auf der Zivilisationsstufe des 20. Jahrhunderts.
Erst wenige Tage zuvor, am 13. Februar 2013, hatte Dresden unter dem Motto „Mit Mut, Respekt und Toleranz – Dresden bekennt Farbe“ aus Anlass der verheerenden konventionellen Bombenangriffe auf die Stadt vom 13. bis 15. Februar 1945 der Opfer gedacht – jener des Zweiten Weltkriegs und zugleich jener der Terrorherrschaft des Nationalsozialismus, um so jeglicher Vereinnahmung, Instrumentalisierung und Verhöhnung der Toten energisch zu begegnen. Nach offiziellen Angaben der Stadt haben sich an diesem Tag des mahnenden Gedenkens zum Glockengeläut der Kirchen in der Innenstadt Dresdens über 10.000 Menschen die Hand gereicht.

Foto: Robert Pinnow, Berlin

Foto: Robert Pinnow, Berlin

Semperoper: Verleihung des „4. Dresden-Preises für Konflikt- und Gewaltprävention“ am 17. Februar 2013

Die ebenfalls in der Nacht des 13. Februar 1945 bei den Luftangriffen stark zerstörte, erst am 13. Februar 1985 wieder in Betrieb genommene Semperoper konnte sich nun zur Verleihung des „4. Dresden-Preises für Konflikt- und Gewaltprävention an Stanislaw Petrow“ eines regen Interesses, u.a. auch von zahlreichen Repräsentanten der Bundeswehr, erfreuen.

Foto: Leandra Pinnow, Berlin

Foto: Leandra Pinnow, Berlin

Petrow – vielleicht kein Held, aber wohl ein Vorbild

Nicht ein Computer, sondern der Mensch muss Verantwortung übernehmen!

Der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Baum, 1932 in Dresden geboren, betonte in seiner Einleitung, dass er sich noch gut an die schrecklichen Tage vor 68 Jahren erinnern könne – er sprach von „Glück“, dass er sich heute im Alter von 80 Jahren in einem freien Land des Wiederaufbaus seiner Geburtsstadt erfreuen könne.
Baum erinnerte an den bereits 2010 mit dem Dresden-Preis ausgezeichneten ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow; dieser hatte 1986 einen Plan zur Abschaffung aller Atomwaffen bis zum Jahr 2000 vorgelegt und sich zu einem Gipfeltreffen mit US-Präsident Ronald Reagan in der isländischen Hauptstadt Reykjavík getroffen. Der mutmaßlich jüngste Kernwaffentest in Nordkorea zeige indes, dass die nukleare Bedrohung der Menschheit weiter bestehe und wir heute eben nicht in einer sicheren Welt lebten. Baum appellierte daran, weltweit die atomare Abrüstung anzugehen und zunächst für eine Nichtverbreitung von Kernwaffen Sorge zu tragen. Nicht ein Computer, sondern der Mensch müsse Verantwortung übernehmen, so Baums Mahnung.

Mit der Einführung von Nuklearwaffen „Tore zur Hölle“ gebaut

Um den Anwesenden deutlich zu machen, dass auch noch heute die Erkenntnis Gültigkeit hat, dass mit der Einführung von Nuklearwaffen „Tore zur Hölle“ gebaut wurden, gab es einen Ausschnitt des ZDF-Dokumentarfilms Die Bombe von Claus Kleber zu sehen. Kleber hatte die „Malmstrom Air Force Base“ im US-Staat Montana besucht, die bis heute wie im Kalten Krieg Interkontinentalraketen mit nuklearen Sprengköpfen zum Abschuss bereithält. Die dortigen Soldaten in ihren Bunkern haben keine Entscheidungen zu fällen, sondern nur Entscheidungen zum Start auszuführen – sie müssten noch funktionieren, bevor sie sterben, so Klebers drastisches Fazit im Film.

Eine glückliche Fügung

In der Semperoper hob Kleber nun hervor, dass 1983 „gottlob“ in jener entscheidenden Nacht, als ein sowjetischer Überwachungssatellit Lichtreflexe, durch Wolken beeinflusste Sonnenstrahlen, detektierte und diese vom Computer als Raketenstarts eben auf jener „Malmstrom Air Force Base“ interpretiert wurden, mit Petrow ein ausgebildeter Ingenieur, ein Systemanalytiker mit Kenntnissen der Schwachstellen der Technik, und keine „militärische Maschine“ Dienst tat…
Es sei eine glückliche Fügung gewesen, denn Petrow habe einen Kollegen vertreten. Aber das Bedrohungsszenario sei auch heute noch da – und mit einsatzfähigen Kernwaffen auch die Möglichkeit für Irrtümer. Mag die Maschinerie der „Abschreckung“ im Kalten Krieg in der gegenseitigen Auslöschung bestanden haben, sei diese „Wahnsinn“, denn wer zuerst zuschlage, sterbe dann als zweiter. Diese „Wahnsinnsstrategie“ der ehemaligen Blockkonfrontation gelte noch immer und koste die Volkswirtschaften Milliarden. Petrow sei damals zum Glück kein reines, auf pure Funktionalität getrimmtes „instrument of power“ gewesen, sondern ein Mensch mit Hirn, Herz, Mut – und auch gesegnet mit russischer Volksweisheit. Seine richtige Einschätzung der Computermeldungen als Fehlalarme hätten die Welt gerettet.
Kleber erinnerte an die brisante Weltlage 1983, als US-Präsident Reagan das SDI-Projekt zur Raketenabwehr initiierte und die Sowjetunion als „Reich des Bösen“ (Evil Empire) stigmatisierte. Mit dem Abschuss des südkoreanischen Passagierflugzeugs am 1. September 1983 hatten sich die Spannungen zwischen den beiden Weltmächten USA und UdSSR zugespitzt – der damalige sowjetische Staatschef Juri Andropow habe gar mit einem Überraschungsangriff der USA gerechnet. Hätte Petrow der Interpretation des Computers zugestimmt, wäre Andropow die Entscheidung zugefallen – die Welt sei, so Kleber, bei Petrow offensichtlich in den „besseren Händen“ gewesen.
Zum Abschluss seiner Ausführungen wiederholte Kleber die erschreckende Erkenntnis, dass die Gefahren keineswegs vorüber seien – in der Filmdokumentation hatte der US-amerikanischer Politikwissenschaftler Henry Kissinger in einem Interview sogar gewarnt, dass die Einsatzwahrscheinlichkeit von Kernwaffen heute im Vergleich zum Kalten Krieg gestiegen sei. Daher gebe es die Initiative Global Zero, die sich der vollständigen nuklearen Abrüstung weltweit verpflichtet hat – angestrebt werde laut Kleber eine globale Sicherheitsarchitektur, die sicherstellen solle, dass dann auch konventionelle Kriege nicht wieder wahrscheinlicher werden.
Auf der Welt gebe es leider „nicht genügend Petrows“ – dieser sei nach seinem eigenen Selbstverständnis vielleicht kein Held, aber ganz bestimmt ein „großer Mann“. Diese Einschätzung Klebers wurde durch einen langen, stehenden Applaus vom Auditorium bestärkt.

Dank der jungen Generation an Petrow

Kristin Alschner, eine 25-jährige Studentin aus Dresden, unterstrich, dass sie zu der Generation gehöre, die Petrow vielleicht sogar „alles“ zu verdanken habe – jedes Jahr am 13. Februar werde ihr dies bewusst.
Petrow sei ein Vorbild für die junge Generation, denn er habe nicht zuerst an sich und die möglichen persönlichen Konsequenzen gedacht. Jeder könne seinen Teil dazu beitragen, dass die Welt friedlicher und toleranter werde, sagte Alschner und übergab Petrow eine Bronzefigur, die einer Figur am Dresdner Mozartbrunnen nachempfunden wurde – die Kriegsschäden an der heute im Dresdner Lapidarium ausgestellten Originalfigur sind auch an der Preisskulptur dargestellt.

Um 0.15 Uhr am 26. September 1983 kam blutrot die Warnung „Start“

Petrow zeigte sich gerührt und dankte für die „große Ehre“. An jenem dramatischen Tag, einem schönen Spätsommertag, habe es keine Vorzeichen gegeben. 140 Mann, davon 80 Offiziere, hätten seinem Kommando im Frühwarnzentrum bei Moskau unterstanden. Zunächst sei alles noch Routine gewesen – aber bei größter Sorgfalt, so Petrow.
Um 0.15 Uhr am 26. September 1983 aber habe plötzlich blutrot die Warnung „Start“ („CTAPT“) an der Wand gestanden. Obwohl wiederholt geübt, sei man geschockt gewesen, denn der Computer habe einen Raketenstart in den USA gemeldet – angeblich mit höchster Wahrscheinlichkeit. Es habe gar eine Panik der Mannschaft gedroht, weshalb er alle nachdrücklich auf ihre Gefechtspositionen befohlen habe. Der betreffende US-Stützpunkt habe sich in jenem Moment an der Tag-Nacht-Grenze befunden. Indes seien weder für den Satelliten noch für die Bodenstationen Fehlermeldungen zu verzeichnen gewesen. Er habe also diese Computermeldung bewerten müssen. Der berühmt-berüchtigte Rote Knopf sei aber gar nicht mehr angeschlossen gewesen, stellte Petrow klar, denn Wissenschaftler hätten festgestellt, dass einem Menschen allein die Entscheidung über den Start der eigenen Raketen nicht zuzumuten sei; man habe dem Computer die Entscheidung gemäß Checkliste anvertrauen wollen. Für ihn habe sich damals zunächst die Frage gestellt, ob es sich um eine Provokation der USA oder um eine Meuterei handeln könnte, was er schließlich seiner Erfahrung nach ausgeschlossen habe.
Petrow allein musste die Computermeldung bewerten – auf dem sich anschließenden Dienstweg sei keine Einholung einer Zweitmeinung vorgesehen gewesen. Mit einer 50/50-Überzeugung sei sein Fazit „Fehlalarm“ gewesen. Er habe weniger auf seinen Kopf als vielmehr auf seine Erfahrung und Intuition gesetzt. Doch kaum, dass er seinem Vorgesetzten telefonisch diese Einschätzung mitgeteilt hatte, er habe den Hörer noch in der Hand gehalten, sei die zweite Warnung lautstark eingegangen, die er wiederum als „Fehlalarm“ klassifiziert habe. Es sei ausgelaugt gewesen, sein Knie hätten gezittert; ihm sei heiß geworden. Dann habe, begleitet vom Sirenenklang, der Computer den Start von drei US-Raketen gemeldet.
Gemäß der gültigen – wenngleich damals schon zum Teil überholten – Doktrin habe man eigentlich einen Massenstart des Gegners erwartet und eben keine Einzelschüsse. Die veränderte Lage heute, machte Petrow warnend deutlich, würde allerdings eine andere Einschätzung als damals erfordern… 17 lange Minuten hätten sie damals auf eine Bestätigung bzw. auf Entwarnung der sowjetischen Bodenradarstationen warten müssen. Nachdem von diesen keine anfliegenden Raketen gemeldet wurden, habe er etwas Entspannung gefühlt und über Lautsprecher seiner Mannschaft Dank ausgesprochen. Im Zuge der sich anschließenden Untersuchung sei ihm der Vorwurf der unzureichenden Protokollierung des Vorfalls gemacht worden – in Echtzeit sei dies nun nicht möglich gewesen und nachträglich wäre es Urkundenfälschung gewesen. Der Vorfall sei dann als streng geheim klassifiziert worden. Erst zehn Jahre später sei ein Zeitungsartikel darüber erschienen und damit die Geheimhaltung durch seinen Vorgesetzten durchbrochen worden.

Weitere Informationen zum Thema:

Dresden
13februar.dresden.de

ZDFmediathek
Die Bombe,1. Teil

GLOBAL ZERO
A WORLD WITHOUT NUCLEAR WEAPONS

Berliner Partner, 02.02.2013
Atomkrieg verhindert: Verleihung des 4. Dresden-Preises an Stanislaw Petrow / Am 17. Februar 2013 in der Semperoper

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