Siemens in Berlin – der Weg zur Elektropolis: Wirtschaftshistorischer Abend im Ludwig-Erhard-Haus mit großer Resonanz

„Helfen Sie, die Wurzeln zu erhalten, liefern Sie Ihren Baustein für das wirtschaftliche Gedächtnis der Region!“

[Auf dem Campus, 20.11.2010] Dr. Maria Borgmann, Sonderbeauftragte der Stiftung Deutsches Technikmuseum in Berlin und Erste Stellv. Vorsitzende des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftarchivs e.V. (BBWA), eröffnete den wirtschaftshistorischen Abend „Siemens in Berlin – der Weg zur Elektropolis“ im „Goldberger-Saal“ des „Ludwig-Erhard-Hauses“ der IHK Berlin am 19. November 2010:
Dr. Borgmann zeigte sich über die unerwartet große Resonanz zu dieser Auftaktveranstaltung einer geplanten Reihe sehr erfreut – weit über die erwarteten 70 Persönlichkeiten hatten sich eingefunden. Ein besonderer Dank galt der Familie Rehm aus Potsdam, deren Sponsoring die Umsetzung dieser Projektidee überhaupt erst möglich gemacht hatte. Auch dem Verein Berliner Kaufleute und Industrieller e.V. (VBKI) wurde gedankt, denn die Bereitstellung des Raumes passe in das Konzept, sich über Industriekultur in Berlin auszutauschen.

Als Repräsentant des Kooperationspartners Verein für die Geschichte Berlins e.V., gegr. 1865 (VfdGB) führte dessen Vorsitzender, Dr. Manfred Uhlitz, aus, dass das Thema Wirtschaft elementarer Bestandteil der Geschichte Berlins sei – es gemahne daran, was von Menschen geschaffen, aber eben auch zerstört worden sei. Bei Erörterungen der Berliner Wirtschaft werde häufig der Blick aus der Gegenwart in die Zukunft gerichtet; es lohne sich aber, hierzu auch in die Geschichte zu blicken. Denn diese sei eng mit der preußischen und deutschen Geschichte verbunden – während Städte wie Wien, London oder Paris schon lange bedeutende europäische Wirtschaftszentren darstellten, habe sich Berlin erst spät zum Entscheidungszentrum entwickelt und diese Funktion in geschichtlicher Dimension auch nur relativ kurz ausgeübt. Wer sich Berlins Wirtschaftsgeschichte nähere, müsse sich natürlich z.B. der Einwanderung der Hugenotten und der Phase des Merkantilismus widmen. Die preußischen Reformen insbesondere auf den Gebieten der Bildung und der Wissenschaften seien ein weiterer Meilenstein, sei es doch um eine bessere Nutzung der Ressourcen des Landes gegangen. Das Gründungsjahr 1865 des VfdGB falle just in jene Phase des Aufstiegs der Stadt Berlin zur bedeutenden europäischen Industriestadt. Große Unternehmer hätten in dieser Zeit das Bild und gesellschaftliche Leben der Stadt entscheidend mitgeprägt – so durch die Architektur, durch Mäzenatentum und eben auch bedeutende Erfindungen. Dr. Uhlitz dankte VfdGB-Schriftführer Dirk Pinnow, der diese Kooperationsveranstaltung zusammen mit Björn Berghausen vom BBWA mitinitiert hatte. Pinnow, zugleich Präsident der Gesellschaft für Transfer immateriellen Vermögens e.V. (GTIV), hatte für den VfdGB die Verhandlungen geführt und auch namens der GTIV Unterstützung zugesagt. Das GTIV-Präsidium wurde an diesem Abend ferner von Vizepräsident Wolfgang Rogalski und Generalsekretär Carsten Pinnow vertreten.

Dr. Frank Wittendorfer, Leiter des Archivs der Siemens AG in München, machte deutlich, dass sein Vortrag eigentlich „Siemens in Berlin – der Weg zur Elektropolis und zurück“ hätte heißen sollen, wenn man die Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs bedenke, aber das heutige Engagement von Siemens in Berlin mit rund 12.500 Mitarbeitern und der Vision, Berlin etwa zur „Stadt der Elektromobilität“, zu machen, habe ihn doch veranlasst, „und zurück“ zu streichen. Zudem gehe es um den Schwerpunkt der industriellen Infrastruktur Berlins in der Gründerzeit. Der Einfluss dieser Epoche auf die Architektur sei noch heute klar erkennbar. Einen guten Eindruck gebe etwa das Ölgemälde Die Siemensstadt um 1930 von Anton Scheuritzel.
Die heutige Siemens AG wurzele in der 1847 unter der Leitung von Werner von Siemens und Johann Georg Halske in Berlin gegründeten „Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske“. In der Gründerzeit habe Siemens quasi eine Monopolstellung besessen. In den 1870er-Jahren habe sich Berlin im Kontext der industriellen Entwicklung auch zum führenden Finanzplatz entwickelt; so sei Georg von Siemens einer der ersten Direktoren der Deutschen Bank gewesen. In Berlin seien damals Kapital, Innovationsfreudigkeit und Arbeitskräfte als wesentliche Fortschrittsfaktoren zusammengekommen. Schärfster Konkurrent jener Tage sei die AEG gewesen. Das vielfältige Engagement von Siemens im Ausland gegen Ende des 19. Jahrhunderts sei indes durch einen Rückgang der Inlandsnachfrage motiviert worden. Siemens habe durch seine technischen Innovationen in Berlin Maßstäbe gesetzt – beispielhaft zu nennen seien hier die 1879 auf der Gewerbeausstellung vorgestellte erste Straßenbahn, die Differential-Bogenlampe zur Straßenbeleuchtung von 1888 oder die 1902 in Betrieb genommene U-Bahn. Siemens sei in jener Zeit führendes Unternehmen auf den damals sogenannten Gebieten „Schwachstromtechnik“ und „Starkstromtechnik“ gewesen.
Der Architekt Hans Hertlein habe das Erscheinungsbild der „Elektropolis“ Berlin geprägt – mit ihm habe sie aber auch ihren Zenit erreicht. Anfang der 1930er-Jahre sei deutlich geworden, dass ein weiterer Ausbau der Siemensstadt nicht möglich sein würde. Ab 1934 sei es dann zu Erweiterungen außerhalb Berlins gekommen – eben auch, um Zusammenballungen in Erwartung eines kommenden Luftkrieges zu vermeiden und dem Engpass bei den Arbeitskräften zu begegnen. Der Zweite Weltkrieg habe Berlins Industriepotenzial zu 75 Prozent zerstört; nicht nur die Luftangriffe und Kampfhandlungen, sondern auch die sowjetischen Demontagen nach Kriegsende seien verheerend gewesen – Siemens habe vier Fünftel seiner Unternehmenssubstanz verloren. Gleichwohl habe man in Berlin 1945 mit einer „Notfertigung“ begonnen und mit nunmehr 14.000 statt zuvor 60.000 Beschäftigten Haushaltsbedarf hergestellt. Der Mauerbau 1961 sei dann nochmals eine Zäsur gewesen, als Tausende von Siemens-Beschäftigten nicht mehr zu ihren Arbeitsplätzen gelangen konnten. Nach der Wiedervereinigung spiele Siemens in Berlin wieder eine herausragende Rolle auf den Gebieten Forschung und Entwicklung. Heute unterhalte Siemens in Berlin seinen bundesweit größten Ausbildungsstandort.

Sodann erklärte der BBWA-Vorsitzende Prof. Dr. Klaus Dettmer die Aufgaben des Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchivs unter dem Titel „Ein Gedächtnis für die Wirtschaft“. Wirtschaftsarchive dienten vorrangig der Rechtssicherung und in zweiter Linie der Gedächstnisbewahrung. Mehrere Vorläuferprojekte des BBWA seien zu benennen – so habe das Landesarchiv Berlin (LAB) 1952 begonnen, das in Berlin verbliebene wirtschaftliche Schriftgut zu untersuchen. An der Freien Universität sei ein volks- und betriebswirtschaftliches Archiv entstanden, dessen Bestand erst vor Kurzem dem BBWA angeboten worden sei. Schließlich habe sich das Deutsche Technikmuseum Berlin um ein Gedächtnis für Produkte und Produktionsverfahen bemüht.

Das heutige BBWA nutze nun die Synergie der Nähe zum LAB. Aufgabe sei es, dem Verlust von Schriftgut, Fotos sowie sonstiger Medien entgegenzuwirken, wüssten doch heute viele Unternehmen vor allem aus Kostengründen nicht, wie sie mit dem eigenen Archivgut verfahren sollten, und als Informationsdienstleister zu fungieren. Leider befänden sich heute noch viele Archivalien in Kartons und könnten daher so nicht erschlossen werden. Er appellierte daran, den BBWA-Ausbau als eine gemeinschaftliche Anstrengung für die Zukunft anzunehmen. Das BBWA wolle auch dem „History-Marketing“ der Region und als Lernort für Schule und Universitäten dienen. Mit dem Aufruf „Helfen Sie, die Wurzeln zu erhalten, liefern Sie Ihren Baustein für das wirtschaftliche Gedächtnis der Region!“ schloss Prof. Dettmer seinen Vortrag.

Weitere Informationen zum Thema:

BBWA e.V.
Ein Abend zur Industriekultur in Berlin-Brandenburg

BBWA e.V.
Berlin-Brandenburgisches Wirtschaftsarchiv

Gesellschaft für Transfer immateriellen Vermögens e.V.
Wertschätzung der Wertschöpfung durch Wissen schafft Wohlstand!

Verein für die Geschichte Berlins e.V., gegr. 1865
Die Geschichte Berlins

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