Schering und Berlin: Wechselwirkungen zwischen Industriekultur und Standortentwicklung

GTIV-Präsident Dirk Pinnow berichtet vom Vortragsabend „Schering in Berlin – ein Markenname ist Geschichte“

[Auf dem Campus, 09.05.2011] Weit über 100 Interessierte fanden sich am 6. Mai 2011 im „Goldberger-Saal“ im „Ludwig-Erhard-Haus“ ein und unterstrichen so die Bedeutung des 2. Abends zur Industriekultur in Berlin-Brandenburg, zu dem die beiden Kooperationspartner, das Berlin-Brandenburgische Wirtschaftarchiv e.V. (BBWA) und der Verein für die Geschichte Berlins e.V., gegr. 1865 (VfdGB), eingeladen hatten:
Unterstützt wurde diese Vortragsveranstaltung mit dem Titel „Schering in Berlin – ein Markenname ist Geschichte“ von Bayer HealthCare Pharmaceuticals, der Gesellschaft für Transfer immateriellen Vermögens e.V. (GTIV), der Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin (DTMB), und dem Verein Berliner Kaufleute und Industrieller e.V. (VBKI).

Faltblatt: BBWA e.V., Berlin (mit Foto aus dem Schering-Archiv, Bayer AG)

Faltblatt: BBWA e.V., Berlin (mit Foto aus dem Schering-Archiv, Bayer AG)

Wechselwirkungen zwischen Industriekultur und Standortentwicklung im Fokus

Dr. Maria Borgmann, Sonderbeauftragte der Stiftung DTMB und Erste Stellv. Vorsitzende des BBWA, eröffnete im Namen der beiden Kooperationspartner die Veranstaltung und zeigte sich überwältigt über den Zuspruch – „Wirtschaft ist Kultur!“, so ihre Feststellung.
Der Name „Schering“ sei von großer Bedeutung für Berlin, auch wenn Bayer seit Jahresanfang 2011 auf diese Traditionsmarke verzichte und diese damit endgültig zum Gegenstand geschichtlicher Betrachtungen geworden sei. Als damalige Mitarbeiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Schering AG habe sie das Motto „Aus Berlin in alle Welt“ mitentwickelt, weshalb ihr dieser Abend auch emotional sehr nahe gehe.

Prof. Dr. Volker Berghahn, Department of History, Columbia University, New York, und Doktorvater des Hauptvortragenden Prof. Kobrak, führte in seiner Einleitung aus, dass zwischen 1945 und den 1980er-Jahren die Wirtschaftsgeschichte wie „Aschenputtel“ behandelt worden sei, man sich lieber um das 19. Jahrhundert gekümmert habe. Die Kritik an der Rolle der deutschen Unternehmen zwischen 1933 und 1945 insbesondere auf studentischer Seite habe eben dazu geführt, dass die Primärquellen in den Archiven der Unternehmen kaum zugänglich gewesen seien. So sei statt direkter Unternehmensgeschichte eher einer stark statistisch orientierten Wirtschaftsgeschichte mit quantitativen Schwerpunkten nachgegangen worden. Er habe sich aber gerade für die qualitativen Aspekte interessiert, sei doch sein Vater eine „Siemens-Mann“ gewesen, der sein Interesse an Konzernen geweckt habe, so Prof. Berghahn. Als er seine Studie „Unternehmer und Politik in der Bundesrepublik“ mit dem Fokus aufs Kulturelle publizierte, sei er heftig kritisiert worden – diese sei zu wenig wissenschaftlich. Aber gerade das Kulturelle, sprich die „Amerikanisierung“ der west-deutschen Wirtschaft, angefangen mit dem Marshallplan, als sprichwörtlichem Motor der europäischen Vereinigung, über die Befreiung der Industrie von Kartellen bis hin zum Umbau des Industriesystems, verdiene besondere Beachtung.
Prof. Berghahn schloss mit der positiven Feststellung, dass heute die Unternehmensarchive für die Forschung weit geöffnet seien und der Schering Stiftung dabei eine Vorreiterrolle zukomme. Mit Dank und Glückwunsch an das BBWA übergab er das Wort an seinen einstigen Doktoranden.

Prof. Dr. Christopher Kobrak, Professor of Finance, ESCP Europe, Paris, und Visiting Scholar am Centre for Corporate Reputation der Oxford University, sprach im Zusammenhang mit der Unternehmensgeschichte von einer „Liebesaufgabe“ – ein Unternehmen agiere eben nicht getrennt von Ort, Politik und Kultur. Er betonte dankbar, dass er für seine Forschungen damals vorbildliche Unterstützung durch das Schering-Archiv erfahren habe. Ihn habe das Motto „Aus Berlin in alle Welt“ fasziniert, denn Schering habe sich somit zugleich als ein Berliner wie auch internationales Unternehmen verstanden. Unternehmen und Standorte bedingten und beeinflussten einander dialektisch, so z.B. heute das kalifornische Silicon Valley und die dort beheimateten Unternehmen der Computertechnologie, aber eben auch Berlin und Schering. Prägend für Berlin und seine aufstrebenden Unternehmen im 19. und 20. Jahrhundert seien ganz gewiss die Dominanz Preußens, die Besetzung der Stadt unter Napoleon, die Reichsgründung 1871, der Zweite Weltkrieg und der sich anschließende „Kalte Krieg“ gewesen – was wäre gewesen, hätte es diese geschichtlichen Prozesse nicht gegeben? Jedes bedeutende Ereignis dieser Art sei Anfang einer neuen Entwicklung – im Guten wie Bösen – gewesen.
Zu den positiven Wendungen gehöre es, die Zeit zum Aufbruch zu erkennen und dem „Zauber des Anfangs“ zu vertrauen. Berlins Erfolg sei nie durch Rohstoffe, sondern stets durch das Know-how, das sich aus der akademischen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Führerschaft in der Gründerzeit gespeist habe, begründet gewesen. Auch dürfe man die damalige geografische Situation nicht außen vor lassen – Berlin lag im Zentrum, in der damaligen Mitte Deutschlands. Seiner Meinung nach sei Scherings Reputation durch die Zeiten unverrückbar an den Standort Berlin gebunden gewesen, so Prof. Kobrak. Daran hätten auch der Erste Weltkrieg mit der allgemeinen Verschlechterung der wirtschaftlichen Randbedingungen und der Zweite Weltkrieg mit seinen schweren Zerstörungen nichts ändern können – so sei die Entscheidung, nicht nach West-Deutschland zu gehen, sondern im Westteil Berlins unweit der innerstädtischen Grenze zu bleiben, zunächst einmal eine rein geschäftliche gewesen! Trotz aller Nachteile hätten die günstige Kreditaufnahme sowie Förderung und vor allem die Berliner Belegschaft für einen Neuanfang in Berlin gesprochen. Die damalige Kapitalnot habe zur Wiederaufnahme der Produktion geführt, um laufende Kosten decken zu können, und zunächst habe man nur 350 Mitarbeiter zu vermindertem Lohn weiter beschäftigen können, während 900 beurlaubt worden seien. Aber die Belegschaft mit ihrem Know-how sei als Vermögenswert und Standortvorteil begriffen worden! In der Blockadezeit habe sich der Durchhaltewillen in Berlin manifestiert. 1950 sei schon wieder in zehn Länder mit erhaltenen Warenzeichen exportiert worden; konsequent habe man sich auf die eigenen Stärken konzentriert und bewährte Produkte fortentwickelt. Auch nach dem Mauerbau sei Berlin Hauptsitz geblieben – mit dem neuen Verwaltungsgebäude in der Müllerstraße sei 1974 zudem ein deutliches Zeichen gesetzt worden: „Wir bleiben hier!“ Mit der Wiedervereinigung habe man sich sodann auch wieder dem osteuropäischen Markt widmen können.
Schering und Berlin hätten sich gerade in schwerer Zeit gegenseitig bedingt – und gemeinsam ein Vertrauen in die Zukunft des Standortes geschöpft, so das Fazit.

Martina Schrammek, Projektmanagerin der Schering Stiftung, Berlin, beschrieb, was von „Schering“ erhalten bleibt. Die 2002 gegründete Stiftung agiere seit 2006 unabhängig – es würden Vorbilder gewürdigt, Grenzen an der Schnittstelle Kunst/Wissenschaft überschritten, Wissenschaftler und Künstler gefördert sowie junge Menschen für Wissenschaft und Kunst begeistert. Die Stiftung führe den Namen in jedem Fall weiter!
Konkret werde auch durch die Ausstellung PILLEN UND PIPETTEN – Die chemisch-pharmazeutische Industrie am Beispiel Schering im Deutschen Technikmuseum das Erbe gepflegt.

BBWA-Vorsitzender Prof. Dr. Klaus Dettmer dankte den Vortragenden für die lebendige Darstellung und wies auf die Folgeveranstaltung hin, die sich der Berliner Bodengesellschaft widmen werde – vorgesehen ist der 23. September 2011. Er schloss mit dem Aufruf, das vorhandene Quellenmaterial beim BBWA für die Forschung sichern zu helfen, etwa durch Spenden für eine Rollregalanlage, und lud zum anschließenden Gedankenaustausch ein.

Weitere Informationen zum Thema:

Auf dem Campus, 21.04.2011
2. Abend zur Industriekultur: Schering in Berlin – ein Markenname ist Geschichte / Fortsetzung der Veranstaltungsreihe, die am 19. November 2010 ihren erfolgreichen Auftakt zum Thema „Siemens in Berlin – der Weg zur Elektropolis“ nahm

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2 Antworten auf Schering und Berlin: Wechselwirkungen zwischen Industriekultur und Standortentwicklung

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