Prognostizierbare Sicherheitskrise erzwingt interdisziplinären Dialog

Plädoyer für die Etablierung eines Deutschen Technikrats zur Förderung Technischer Sicherheit als Qualitätsmerkmal

Ein Impuls von Dr.-Ing. Bernd Schulz-Forberg

[Auf dem Campus, 29.02.2016] Der Zeitgeist hat sich der „Sicherheit“ bemächtigt, derart intensiv, dass der klare Blick verstellt und eine Fokussierung auf die eigentlichen Inhalte erschwert wird. Im Allgemeinen verbindet man mit diesem Begriff die Forderung nach „Risiko- und Gefahrenvermeidung“. Sicherheit bezeichnet demnach also einen Zustand, der frei von Beeinträchtigung durch unvertretbare Risiken bzw. als gefahrenfrei anzusehen ist. Im 21. Jahrhundert muss Sicherheit interdisziplinär und ganzheitlich gedacht und umgesetzt werden.

Sicherheit als herausragendes Qualitätsmerkmal

Um ein Höchstmaß an Sicherheit anzustreben, müssen diesbezüglich Konzepte erstellt und auch konsequent umgesetzt werden. Aber Sicherheit ist dabei keine von mehreren Eigenschaften einer technischen Einrichtung – sie stellt das herausragende Qualitätsmerkmal in den Phasen Konzeption, Definition, Entwicklung/Konstruktion, Erprobung, Nutzung, Instandhaltung,
Nachrüstung, Außerbetriebsetzung und der späteren Entsorgung dar!

Ambitionierte Herausforderung an die Sicherheitsforschung

Mit der Betrachtung des gesamten Lebenszyklus einer technischen Einrichtung, eines technischen Systems oder auch eines technischen Produktes, hat die zumeist irrational begründet Furcht vor dem Risiko in der industrialisierten Welt weltweit in erschreckendem Maße zugenommen.
Aufgabe der Sicherheitsforschung ist es somit, Erkenntnisse auf sachlicher Basis wesentlich zu erweitern, und zwar durch harte Fakten wie auch durch weniger fassbare, jedoch nicht zu leugnende Einflussfaktoren.
In unserer saturierten Gesellschaft resultiert das Motiv der Sicherheitsforschung und ihrer praktischen Vollzugsseite, der Sicherheitspolitik und dem Sicherheitsmanagement, bisher wesentlich aus dem übergeordneten Ziel des nachhaltigen Wachstums und befriedigt das sub- und objektive Sicherheitsbedürfnis. Eine solche Analyse aus der „Innensicht“ der Sicherheitsforschung heraus greift jedoch zu kurz.

Sicherheit mag abstrakt sein – Unsicherheit ist konkret erfahrbar

Handlungsempfehlungen müssen auch die Diskussion der Sicherheit im politischen und gesellschaftlichen Raum berücksichtigen und erkennbare Elemente aus dem Diskurs einfließen lassen. Sicherzustellen ist in jedem Fall, dass sicherheitsgerechtes Gestalten den von vornherein getroffenen Ausschluss von Verfahren und Handlungen bedingt, die unbegrenzbare Konsequenzen im Schadensfall zeitigen.
Es schließt sich die Forderung an, von zwei Lösungen jene zu wählen, welche die geringere Konsequenz zeitigen würde, wie von wiederum zwei Lösungen jene zu wählen ist, welche die besser kontrollierbare Konsequenz zur Folge hat. Schließlich ist jene Lösung zu wählen, welche die Rückbildung der Konsequenz am ehesten möglich macht, also die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustandes.
Sicherheit beginnt im Kopf und bleibt damit zunächst abstrakt – die Folgen unzureichender Sicherheit sind aber sehr konkret und müssen beherrschbar wie auch mehrheitlich akzeptabel sein!

Acht Empfehlungen für die Sicherheitsforschung auf nationaler Basis

Analysen unerwünschter Ereignissen, wie Unfälle einschließlich sogenannter „Beinahe-Unfälle“ oder Störfälle und Katastrophen, führt zu acht Empfehlungen für die Sicherheitsforschung:

  1. Erkenntnisse von Ereignissen aus allen relevanten Technikfeldern gemeinsam nutzen
  2. Kooperationen proaktiv eingehen und fördern
  3. Ressort- und Ländergrenzen überwinden
  4. Ereignisauswertung und Nutzung der Erkenntnisse internationalisieren
  5. Fehlerkultur verbessern (weg von der Schuldzuweisung, hin zur Lernkultur)
  6. Informationsfluss stärker institutionalisieren
  7. Unabhängigkeit der Ereignisauswertung gewährleisten
  8. Untersuchungen im Einzelfall ermöglichen

Diese Empfehlungen sollen einen Diskussionsprozess anregen, der die Möglichkeiten und Chancen einer strukturierten, frühzeitig ansetzenden Technischen Sicherheit nicht nur aufzeigt, sondern auch nachhaltig unterstützt. An diesem Diskurs sollen letztendlich alle teilnehmen, welche direkte Zuständigkeiten besitzen oder über die notwendige Fachkompetenz verfügen.
Hierzu sollte zur Federführung und Moderation ein Deutscher Technikrat eingerichtet werden, der in enger Kooperation mit Politik, Wirtschaft und Wissenschaft im In- und Ausland die Akzeptanz für technische Innovation unter Berücksichtigung der Sicherheit als Qualitätsmerkmal am Standort Deutschland stärkt – es geht um die Wandlung einer emotional getriebenen Stammtischdiskussion hin zu einem rational basierten, lösungsorientierten Diskurs.
Die Kontinuität der Wertschöpfung auf höchstem Niveau hängt entscheidend davon ab: Der Deutsche Technikrat hätte einen Arbeitsbereich zwischen den beiden Extremen, dem naiven Fortschrittsglauben einerseits und der destruktiven Totalverweigerung andererseits, aufzuzeigen.

Warnung vor Technokratie und Sicherheitskrise

In den notwendigen Diskurs sollten alle gesellschaftlichen Elemente eingebunden werden. Dabei sind dann alle, und eben nicht nur Ingenieure – diese aber in besonderem Maße – verpflichtet, ein Szenario der „Technischen Sicherheit“ für die Gesellschaft verwirklichen zu helfen, ohne dabei einer Technokratie mit einhergehender Sicherheitskrise zu verfallen.

Dr.-Ing. Bernd Schulz-Forberg

Foto: privat

Dr.-Ing. Bernd Schulz-Forberg, Dir.u.Prof. a.D., ist Stellvertr. Leiter des VDI/VDE-Arbeitskreises Sicherheit Berlin-Brandenburg, Stellvertr. Vorsitzender des VDI-Ausschusses Technische Sicherheit in Düsseldorf sowie Leiter des Projekts „Forum Technologie & Gesellschaft“ im FORUM46 – Interdisziplinäres Forum für Europa e.V.

Zu dem Thema erschien der Aufsatz „Deutschland braucht nationales Konzept Technische-Sicherheit“ in der Ausgabe Juni 2015 der Zeitschrift „Technische Sicherheit“, Springer-VDI-Verlag / Düsseldorf.
Mitgewirkt haben der VDI-Ausschuss Technische Sicherheit und der VDI/VDE-Arbeitskreis Sicherheit Berlin-Brandenburg.

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