Johann Stigel: Überraschungsfund in der Forschungsbibliothek Gotha

Unbekannte Gedichte und Dokumente des Dichters entdeckt

[Auf dem Campus, 09.02.2012] Die Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt hat bei Tiefenerschließungen ihres umfangreichen Bestandes an Handschriften aus der Reformationszeit bisher unbekannte Gedichte und Dokumente des Melanchthon-Schülers und neulateinischen Dichters Johann Stigel (1515−1562) entdeckt:
Diese sind laut dem wissenschaftlichen Bearbeiter und Entdecker, Dr. Daniel Gehrt, in einem Tagebuch enthalten, das fast 100 Jahre lang von der Familie Sellanus aus Hildburghausen geführt wurde. Dieses sogenannte „Hildburghausener Diarium“ gelangte vermutlich 1767 in die Herzogliche Bibliothek Gotha und zeugt einmal mehr von den reichhaltigen reformationsgeschichtlichen Sammlungen auf Schloss Friedenstein. Die nun entdeckten Epigramme, Epitaphe sowie offiziellen Verlautbarungen von Stigel stammen aus der Feder des Adam Sellanus (1536−1580), der von 1556 bis 1559 in Jena Theologie studierte.
Stigel wurde am 13. Mai 1515 in Friemar bei Gotha geboren und war Schüler derGothaer Lateinschule. Als Gründungsrektor und Professor für Poesie und Rhetorik war er wesentlich an der Einrichtung der Hohen Schule zu Jena im Jahre 1548 beteiligt, die erst 1558 den Rang einer Universität erhielt. Aus dieser Gründungsphase stammen die nun entdeckten offiziellen Verlautbarungen Stigels, die einen unmittelbaren Einblick in das frühe universitäre Leben Jenas gewähren. Wiederholt erließ Stigel Ermahnungen an die Studenten zum friedlichen Verhalten oder zum regelmäßigen Besuch der Vorlesungen. Überliefert sind ferner Erlasse gegen Unruhestiftung, Waffentragen und unanständiges Tanzen, gegen das Betreten der Gärten und Weinberge der Stadtbürger oder gegen das Baden in der Saale. Daneben finden sich einige bisher unbekannte Epigramme und Epitaphe, die Stigels Ruf als einen der bedeutendsten protestantischen Dichter des 16. Jahrhunderts bestätigen. In einem Epigramm von 1556 kündigte er den Zuhörern seine Vorlesung über Philipp Melanchthons Schrift „De Anima“ („Über die Seele“) an, die später publiziert wurde. In dem Gedicht wird die Bewunderung über den menschlichen Körperbau mit dem Gedenken an Jesus Christus verbunden, der „uns“ durch seinen Tod von demselben losgekauft habe. In einem Epitaph aus dem Jahr 1560 würdigte Stigel den Grafen Albrecht III. von Mansfeld für sein tatkräftiges Eintreten für die Sache der Reformation. Besonders hebt er dabei die kriegerische Leistung des Grafen, der 1547 als Führer des Schmalkaldischen Bundes das kaiserliche Heer besiegte, und sein gottesfürchtiges Leben hervor, das im wahren Glauben an Christus bestanden habe.

Foto: Sergej Tan, © Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt

Foto: Sergej Tan, © Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt

Epigramm des Johann Stigel an die Hörer seiner Vorlesung über Melanchthons „De Anima“ vom Dezember 1556 [FB Gotha, Chart B 213, 153r]

Die Entdeckungen bieten neue Anknüpfungspunkte für weitere Studien über das Leben und Werk des Poeten Stigel, dessen 450. Todestag sich am 11. Februar 2012 jährt. Die Forschungsbibliothek Gotha besitzt neben dem Thüringischen Hauptstaatsarchiv Weimar die größte Sammlung von Stigel-Autographen.

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