Engagement für die Stadtgeschichte: Berliner Bürger gründeten 1865 den Verein für die Geschichte Berlins

„Berliner Gedenktafel“ ehrt die Vereinsgründer Dr. Julius Beer sowie Ferdinand Meyer und erinnert an Berlins damaligen Oberbürgermeister Karl Theodor Seydel

[Auf dem Campus, 22.09.2012] Am 20. September 2012 wurde im Rahmen eines Festaktes eine Berliner Gedenktafel für Dr. Julius Beer und Ferdinand Meyer an der heutigen Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Bank, Unter den Linden 13-15, enthüllt. Die beiden gelten als die maßgeblichen Gründungspersönlichkeiten des Vereins für die Geschichte Berlins (VfdGB). Diese Würdigung an so prominenter Stelle ist Berlins Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten André Schmitz und der Historischen Kommission zu Berlin zu verdanken.

Foto: Dirk Pinnow

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v.l.n.r.: Berlins Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten André Schmitz und Dr. Manfred Uhlitz, Vorsitzender des Vereins für die Geschichte Berlins e.V., gegr. 1865

Ende 1864 hatten der jüdische Arzt Dr. Beer und Magistrats-Sekretär Meyer zur Gründung eines Geschichtsvereins für Berlin aufgerufen, um die vom Verschwinden bedrohten alten Zeugnisse der Stadt möglichst den kommenden Generationen zu erhalten. So versammelten sich am 28. Januar 1865 interessierte und engagierte Bürger der Stadt zur konstituierenden Sitzung im damaligen „Café Royal“, Unter den Linden Ecke Charlottenstraße. Dort befindet sich heute in einem 1922-25 errichteten Gebäude die Deutsche Bank und (noch) das „Guggenheim-Museum“.

Staatssekretär Schmitz betonte in seiner Ansprache, dass Geschichtsschreibung, speziell auch das Erforschen und Dokumentieren der jeweiligen Stadt- bzw. Landesgeschichte, erst durch Mitglieder entsprechender Heimat- und Geschichtsvereine im 19. Jahrhundert erfolgte – denn erst nach der Französischen Revolution konnten sich Bürger hierfür zusammenschließen. Zuvor war die Geschichtsschreibung anderen Auftraggebern und Ausführenden vorbehalten gewesen; im Mittelalter etwa allein den Schriftkundigen der Kirche. In den nachfolgenden Jahrhunderten erteilten dann Fürsten ihren Hofhistoriographen den Auftrag zum Verfassen der Geschichte des jeweils regierenden Hauses und dessen Besitzungen bzw. die Bürokratie hatte sich damit zu beschäftigen.
Im Zuge der Preußischen Reformen aber kam es dann zum „Erwachen des Bürgertums“ im 19. Jahrhundert. Allerdings gab es Versuche, dessen Möglichkeiten zu einer selbständigen Entfaltung im Zuge Einführung der Steinschen Städteordnung von 1810 wieder erheblich zu beschränken – insbesondere nach der Deutschen Revolution von 1848. Fortan sollten alle historiographischen Bestrebungen, die auch nur entfernt mit der aktuellen Politik in Verbindung gebracht werden konnten, unterbunden werden – historische Vereine sollten sich etwa auf die politisch ungefährliche archäologische Erforschung der Vor- und Frühgeschichte beschränken, erläuterte Schmitz.
So hätten sich 1865 zwei engagierte Berliner Bürger im „Café Royal“ mit anderen stadtgeschichtlich Interessierten getroffen, um zusammen mit ihrem Oberbürgermeister einen Geschichtsverein zu gründen, der sich keineswegs auf das „Öffnen von Grabkammern“ habe beschränken sollen und wollen, so der Kultur-Staatssekretär. Sodann führte er auch die besondere Bedeutung des damaligen Berliner Oberbürgermeisters aus – Karl Theodor Seydel sei eben nicht nur an jenem Tage Leiter der Gründungsversammlung des neuen Vereins gewesen, sondern die Gründungsmitglieder hätten ihn gleich auch zum ersten Vorsitzenden des VfdGB gewählt. Dieses Amt habe Seydel gewissenhaft drei Jahre lang ausgeführt, bis ihn eine schwere Krankheit zur Niederlegung aller seiner Ämter, schließlich auch das des OB, gezwungen habe. „Sein“ Verein habe ihn bei Abgabe der Leitungsgeschäfte dann sogar zum ersten Ehrenvorsitzenden ernannt. Seydel sei ein umfassend gebildeter moderater Liberaler gewesen, dessen ansehnliche Privatbibliothek fast alle Zweige der damaligen Wissenschaft umfasst habe.
Berlin verdankt Seydel sehr viel – er hat die technische und soziale Modernisierung Berlins im Vorfeld der Gründerzeit enorm voran gebracht.
Gegen kräfteaufreibenden Widerstand musste er die Modernisierungsbestrebungen vorantreiben und dabei doch auch das kulturhistorische Erbe der Stadt möglichst erhalten. Er fand einige Gleichgesinnte, die ihn dabei unterstützten. Bei der Schaffung neuer medizinischer Einrichtungen etwa hat ihn in der Berliner Stadtverordnetenversammlung sein Schwager Rudolf Virchow unterstützt – u.a. bei der Planung für das erste städtische Krankenhaus „Am Friedrichshain“. Mit Virchow, der als ausgewiesener Fachmann der regionalen vor- und frühgeschichtlichen Archäologie gegolten habe, hätten ihn auch historische Neigungen verbunden, sagte Schmitz. Dies gelte in gleicher Weise für die Gründungsväter des Vereins, die zusammen mit der weiteren Gründungsmannschaft das Arbeitsprogramm des VfdGB entwickelt und auch realisiert hätten, wobei zunächst Vorträge im Mittelpunkt gestanden hätten, gefolgt von Exkursionen und Besichtigungen und schließlich der Publikation der Arbeitsergebnisse.

Zum ehrenden Angedenken an den ersten Vorsitzenden des VfdGB wurde Ende 2007 „Die Berliner Abendgesellschaft «Karl Theodor Seydel», Der Salon des Vereins für die Geschichte Berlins, gegr. 1865“ initiiert. Seydel habe als Berliner Oberbürgermeister in den Jahren 1863 bis 1872 die Grundlagen für den Aufstieg zur Metropole der Gründerzeit und deutschen Hauptstadt geschaffen. Der „Fortschrittspartei“ angehörend sei ihm dennoch parteipolitische Kleingeistigkeit zuwider gewesen – er habe sich mit Elan gegen viele Widrigkeiten den damals hochaktuellen Herausforderungen gestellt. In diesem Sinne soll dieser Salon in lockerer Reihenfolge – fern von tagespolitischen Auseinandersetzungen – dem kultivierten Austausch engagierter Persönlichkeiten dienen.

Foto: Dirk Pinnow

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Die feierliche Enthüllung der „Berliner Gedenktafel“

Auch der VfdGB-Vorsitzende Dr. Manfred Uhlitz betonte in seiner Rede, dass nicht nur die beiden Vereinsgründer Dr. Beer und Meyer zu würdigen seien, sondern auch die dritte auf der Tafel genannte Persönlichkeit – eben Seydel. Dieser sei der fünfte Bürgermeister nach der Steinschen Städtereform gewesen. Damals habe es noch keine Kanalisation, außer Tiergarten und Friedrichshain keine weiteren Parks, nur ungenügende Verkehrsmittel, keine Turnhallen und kein einziges städtisches Krankenhaus gegeben; ferner zu wenige Schulen mit angemessenem Erscheinungsbild. Seydel habe auf all diesen Gebieten die Initiative zur Verbesserung der Verhältnisse ergriffen. Oberbürgermeister Seydels Elan könne nicht besser beschrieben werden als mit den Worten seines zweiten Nachfolgers Forckenbeck – dieser habe einmal gesagt, dass ihre ganze Arbeit in Berlin heute nur darin bestehe, Seydels Pläne und Projekte zu verwirklichen.
Der VfdGB habe im Prinzip die Gedenktafel erfunden, so Dr. Uhlitz weiter, denn bereits 1870 habe der Verein eine Lessing-Büste und eine Gedenktafel am Hause Königsgraben 10 angebracht. Es seien Gedenktafeln für Ludwig Devrient, E.T.A. Hoffmann und Carl v. Gontard gefolgt.
Dadurch angeregt, habe der Magistrat in den folgenden Jahren zahlreiche Gedenktafeln für „Berühmte Berliner“ gestiftet. Dem Berliner Magistrat war bei seinem Gedenktafelprogramm die Vorarbeit des VfdGB zugute gekommen – 1875 bis 1877 hatte nämlich Meyer drei Bücher herausgegeben: „Berühmte Männer Berlins und ihre Wohnstätten. Nach urkundlichen Quellen bearbeitet von Ferdinand Meyer, Sekretair des Vereins für die Geschichte Berlins“. In der Einleitung hatte Meyer geschrieben: „Denn leider geben nur wenige Gedenktafeln – diese Denkmäler der Pietät, welche einer Stadt den historischen Charakter auch in ihrem Äußeren verleihen, indem sie Vergangenheit und Gegenwart auf eindringlichste Weise miteinander verbinden – uns hiervon Kunde.“

Sodann erläuterte Dr. Uhlitz das Gründungsgeschehen am Abend des 28. Januar 1865 an dieser Stelle – im damaligen „Café Royal“, Unter den Linden 33, so die damalige Hausnummer. Der Chefredakteur der „Spenerschen Zeitung“, Dr. Alexis Schmidt, berichtete drei Tage nach der Vereinsgründung vom Geschehen: „Der praktische Arzt, Dr. Julius Beer, von welchem diese Blätter mehrere sehr anziehende Beiträge über die Geschichte Alt-Berlins enthielten, hat in den letzten Wochen den sehr anerkennenswerten und erfolgreichen Versuch gemacht, einen Verein für die Geschichte Berlins ins Leben zu rufen. Er hat mit diesem Gedanken nicht nur bei Denen, die sich von jeher die Forschung in der Geschichte Berlins und der Mark Brandenburg angelegen sein ließen, sondern auch bei den Spitzen unserer städtischen Behörden und vielen anderen Freunden der Wissenschaft lebhaften Anklang gefunden. So war denn am vorigen Sonnabend eine zahlreiche Versammlung im Café Royal Unter den Linden zusammengekommen, um den Verein zu constituiren. Wir bemerkten unter den Anwesenden den jetzigen Ober-Bürgermeister Geh. Rat Seydel, den früheren Oberbürgermeister Wirkl. Geh. Rath Krausnick, den Polizei-Präsidenten v. Bernuth, Archivar Fidicin, Hofrath Schneider, Oberlehrer Holtze, Dr. Kletke, Pol.-Sekretär Ferd. Meyer, Lehrer Cotta und Andere, die sich um die Denkmäler und Erinnerungen Berlins verdient gemacht haben. …
Herr Seydel führte zunächst in die Aufgaben des Vereins ein. Er setzte sie in Beziehung auf unser Gemeinwesen und den Sinn für dies Gemeinwesen. Die wunderbare Entwicklung unserer Stadt in den letzten Jahrzenten, der sich nur aus Amerika Aehnliches an die Seite setzen lasse, habe auch eine schonungslose Umgestaltung, eine stetige innere Umwandlung und Zersetzung herbeigeführt und den alten Gemeinsinn, welcher die Commune in beschränkten Verhältnissen belebt, vielfach gelockert Ein solches Gemeinwesen bestehe kaum noch. Wenn der Verein eine Aufgabe recht erfülle, wenn er das Bleibende in jenem Wechsel erfassen lehre, die Gegenwart mit dem rechten Sinn für das Vergangene, daraus sie geworden, erfülle, könne der Verein nicht anders als belebend auf den Gemeinsinn wirken.“
Nach dem Oberbürgermeister ergriff Dr. Beer das Wort, was die Zeitung mit folgenden Worten wiedergibt: „Allerdings sei die Wiege vieler Einwohner Berlins nicht in Berlin; diese Stadt assimiliere sich, wie jenseits des Oceans der anglo-sächsische Stamm, die fremden Elemente schnell und sicher. Und schon von Alters her sei es so gewesen. Den Sinn für das Geschichtliche Berlins, für die Denkmäler der Vergangenheit, müsse ein Verein beleben, wie er jetzt möglich sei, nachdem sich so viele ausgezeichnete Männer Berlins, der Sache angenommen hätten …“
Der Bericht von Chefredakteur Dr. Schmidt endet mit den Worten: „Wir zweifeln nicht, dass dies Vereins-Unternehmen lebhafte Theilnahme an unserer gebildeten Bevölkerung finden werde, und wünschen seinen Bestrebungen den besten Fortgang.“

Abschließend gab Dr. Uhlitz einen Rückblick auf die zweite Vereins-Versammlung am 18. Februar 1865. Dr. Beer berichtete darüber in der „Haude und Spenerschen Zeitung“: „Die zweite ordentliche Vereins-Sitzung am 15. Februar war sehr zahlreich besucht, so dass für das nächste Mal eine größere Lokalität nothwendig wird. Man erblickte viele Celebritäten in Wissenschaft und Kunst, obwohl manches Mitglied und viele Gäste durch den gleichzeitigen Hofball, den Studentenball und die Buchdruckerversammlung abgehalten waren. Dass in einem halben Monat ein wissenschaflticher Verein einen derartigen Aufschwung nimmt, ist noch nicht in Berlin der Fall gewesen. Daher eröffnete der Vorsitzende, Hr. Ober-Bürgermeister Seydel, die Versammlung mit einem freudigen Willkommen.“ Mit Genugtuung habe der Vorsitzende den Anwesenden mitteilen können, dass „man über das erste Hundert hinaus“ sei und das Mitgliederverzeichnis „sich täglich mehre“, womit er einen Appell zum Sammeln und Ankauf von Berliner Reliquien verbunden habe. Auch dieser Zeitungsbericht bestätige die wahren Absichten der Vereinsgründung – der Oberbürgermeister habe sein Ziel der Gründung eines Berlin-Museums ohne Schnörkel in den Vordergrund geschoben, so Dr. Uhlitz. Ein Jahr nach der Gründung sei das erste Mitgliederverzeichnis erschienen, das mit seinen 171 Namen eine Art „Who is Who“ des damaligen geistigen Lebens Berlins gewesen sei.

Foto: Dirk Pinnow

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Die enthüllte „Berliner Gedenktafel“, Unter den Linden 13-15 (früher 33)

Weitere Informationen zum Thema:

VEREIN FÜR DIE GESCHICHTE BERLINS E.V., GEGR. 1865
Enthüllung der Berliner Gedenktafel zu Ehren der Gründer unseres Vereins
Dr. Julius Beer und Ferdinand Meyer am 20. September 2012

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