Die Berlinische Boden-Gesellschaft und ihr städtebauliches Erbe

Notizen vom dritten Abend zur Industriekultur in Berlin-Brandenburg von Dirk Pinnow

[Auf dem Campus, 02.10.2011] Nach den Schwerpunkten SIEMENS und SCHERING stand nun am 23. September 2011 unter dem Titel „Berliner Terrain – entwickeln, bauen, wohnen“ die 1890 gegründete Berlinische Boden-Gesellschaft (BBG) im Mittelpunkt des dritten Abends zur Industriekultur in Berlin-Brandenburg. Diese Reihe von Themenabenden wird vom Berlin-Brandenburgischen Wirtschaftsarchiv (BBWA) in Kooperation mit dem Verein für die Geschichte Berlins e.V., gegr. 1865 (VfdGB) veranstaltet.

Dr. Manfred Uhlitz, Vorsitzender des VfdGB, führte in seiner Einleitung aus, dass das Bayerische Viertel in Berlin – eines der bedeutendsten Projekte der BBG – ein ambivalentes Symbol der Geschichte sei. Es stehe als bürgerliches Viertel für die kurze Blütezeit der Weimarer Republik, aber danach eben auch für den Ungeist der NS-Zeit. Die kriegsbedingten Zerstörungen im Umfeld des eigentlichen Zentrums am Bayerischen
Platz
hätten bleibende Schäden hinterlassen, so dass man heute eher den Viktoria-Luise-Platz aufsuchen müsse, um einen Eindruck der damaligen Ästhetik der Vorkriegszeit zu bekommen.
Georg Haberland, geschäftsführender BBG-Vorstand und Initiator des Projektes „Bayerische Viertel“, der seine letzte Ruhestätte auf dem Jüdischen Friedhof Schönhauser Allee fand, sei ebenso wie sein Vater, Salomon Haberland, Mitglied im VfdGB gewesen. Georg Haberland sei von einer Liebe zu altbayerischen Städten geprägt und inspiriert gewesen – mit dem Bayerischen Viertel habe man gewissermaßen aus der Stadt fliehen können und sei doch in der Stadt geblieben. Zu den prominenten Bewohnern habe
zeitweise auch Albert Einstein gehört. Rund 6.000 jüdische Nachbarn habe es dort gegeben sowie eine größere Zahl Exil-Russen. Das Bayerische Viertel sei in seiner Blütezeit auch das „Industriegebiet der Intelligenz“ genannt worden – welches schlagartig durch die NS-Herrschaft zerstört wurde. Daran erinnern heute die Dauerausstellung Wir waren
Nachbarn
, Stolpersteine und Erinnerungsplaketten.

Dr. Martin Krauß von der Bilfinger Berger SE aus Mannheim ging in seinem Vortrag „Bayerisches Viertel, Ullstein-Haus, Hotel Kempinski. Die Geschichte der Berlinischen Boden-Gesellschaft“ zunächst auf die Phase des Umbruchs in der Gründerzeit ein. Die 1890 als Terrain-Gesellschaft gegründete BBG hatte den Geschäftszweck, im Zuge der Stadtausdehnung Berlins neue Baugebiete, Siedlungen und ganze Stadtteile zu erschließen und zu entwickeln. Die Haberlands waren ursprünglich Textilkaufleute; sie nutzen die Gunst der damaligen Aufbruchszeit vor den Toren Berlins und wuchsen erfolgreich in dieses neue Aufgabengebiet hinein. Mit dem Bayerischen Viertel sei um die damalige Jahrhundertwende ein begehrtes Wohnquartier für den gehobenen Mittelstand, zumal ein neues Zentrum jüdischen Lebens in Berlin, geschaffen worden. Ein weiteres bedeutendes Projekte dieser Art war z.B. das Rheingauviertel.

Bildnachweis: Unternehmensarchiv der Bilfinger Berger SE, Mannheim

Bildnachweis: Unternehmensarchiv der Bilfinger Berger SE, Mannheim

Nach SIEMENS und SCHERING stand die Berlinische Boden-Gesellschaft im Fokus.

Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 kam das eigentliche Terraingeschäft zum Stillstand; Teile der vorhandenen Grundstücke seien dann selbst bebaut und die Errichtung wichtiger Gebäude für Militär, Rüstungszwecke und Verwaltung durchgeführt worden, so Dr. Krauß. In der Weimarer Republik seien für das Engagement außerhalb Berlins Tochtergesellschaften gekauft bzw. gegründet worden – so auch in Tschechien und in den Niederlanden.
Bedeutende Geschäftshäuser wie etwa die Zentrale der Dresdner Bank in Mitte, das Ullstein-Haus in Tempelhof und KARSTADT am Hermannplatz wurden errichtet – herausragende Beispiele für die Verlagerung des Schwerpunkts hin zu einer Baugesellschaft. 1933/34 begann bereits die von den nationalsozialistischen Machthabern betriebene sogenannte „Arisierung“ von Vorstand und Aufsichtsrat. Nach dem Tod Georg Haberlands am 17. November 1933 gelangte dessen Sohn Kurt, der sein Amt schon niedergelegt hatte, abermals in den Vorstand. Im Zuge des Unglücks auf der Baustelle der Nord-Süd-S-Bahn in der Nähe des Brandenburger Tores am 18. August 1935, bei dem 19 Bauarbeiter starben, wurde gegen Kurt ermittelt. Die 1906 parallel zur BBG gegründete und als deren Dienstleister fungierende Berliner Bau-Gesellschaft hatte dort als Hochbaugesellschaft ein Tiefbaulos erhalten, was nach dem Unglück für Aufregung sorgte. Zudem stellte der Staatsanwalt eine enge Verstrickung beider Gesellschaften, eben der ursprünglichen Terrain- und der Bau-Gesellschaft, fest. 1937 wurde Kurt Haberland dann aber wegen sogenannter „Rassenschande“ inhaftiert – als er 1983 wieder frei kam,
musst er den Vorstand endgültig verlassen. Sodann kam es auch zur „Arisierung“ des Aktienkapitals – Haberland konnte über seine erlöstes Kapital nicht mehr verfügen. Am 25. November 1941 schließlich wurde er von der „Geheimen Staatspolizei“ (Gestapo) verhaftet – am 5. Juni 1942 fand er im Konzentrationslager Mauthausen den Tod.
Bereits 1944 verlegte die BBG ihre Verwaltung nach Hamburg, dann 1946 auch den Sitz, der wiederum 1952 nach Düsseldorf gelangte. In der Nachkriegszeit erschien der Berlin-Bezug aus Marketinggründen nicht mehr förderlich, weshalb es 1954 zu einer Umfirmierung in BAUBOAG kam. Die BAUBOAG betätigte sich indes auch in Berlin, so u.a. mit dem Bau von Warenhäusern und Kirchen – prominentes Beispiel für ein neues Gewerbegebäude jener Zeit ist das Hotel „Kempinski“. 1963 wurde die verbliebene Berliner Bau-Gesellschaft liquidiert. 1969 erfolgte die Fusion mit der Julius Berger AG in Wiesbaden. Heute nun gehört die einstige BBG zum Erbe des Konzerns Bilfinger Berger, der 2010 in eine europäische Gesellschaft (SE) umgewandelt wurde.

Rudolf Schuppisser vom Rüdi-Net e.V., ein Schweizer Architekt, der sich dem Rheingauviertel verschrieben hat, führte in dessen Geschichte und Gegenwart ein. Das Gebiet mit dem Rüdesheimer Platz als Zentrum sei in Folge des um 1900 wachsenden Bedarfs an gutbürgerlichem Wohnraum entstanden. Das Rheingauviertel stelle ein ruhiges Wohnviertel mit beispielhaftem Gestaltungskonzept dar. Das damals „Deutsch-Wilmersdorf“ genannte Gebiet sei sehr beliebt gewesen. Dort begann 1911 die Bebauung mit der sogenannten „Gartenterrassen-Stadt“ im Umfeld der Landauer Straße. Zur Pflege der Grünflächen wurde eigens eine BBG-Tochtergesellschaft, die Gartenvereinigung Berlin Südwest GmbH, gegründet. Der Rüdesheimer Platz habe sich als „Oase“ mit Wasserkünsten dargestellt. Die Fassaden seien im englischen Landhausstil gestaltet worden – gefragt gewesen sei eine heute unter Denkmalschutz stehende „Architektur aus einem Guss“. Zuweilen rege sich heute an dieser Einheitlichkeit aber auch ästhetische Kritik.
Schuppisser erläuterte auch, dass es zunächst Probleme beim Bau der heutigen U-Bahnlinie 3 zur Krummen Lanke gegeben habe. Da man sich mit den Schönebergern überworfen hatte, sollte die geplante Linie eben nicht an die Schöneberger U-Bahn (heute Linie 4) angeschlossen werden. Aber auch die Charlottenburger hätten in dem Bauvorhaben Konkurrenz gewittert – gar die Abwanderung vermögender Bürger nach Südwesten in das neu erschlossene Gebiet befürchtet. Kurt Schustehrus, Oberbürgermeister von Charlottenburg, habe gar den Bau der neuen Linie, die zum Teil auch über Charlottenburger Gebiet führen musste, verhindern wollen.
Konfrontiert mit dem Leerstand von Ladengeschäften sei der Rüdi-Net e.V. 2005 gegründet worden. Seit 2006 organisiert dieser Kiezfeste und Wettbewerbe. Sein Anliegen sei es, das Quartier über seine Grenzen hinaus bekannt zu machen und die Identifikation der Bewohner zu stärken.

Weitere Informationen zum Thema:

BILFINGER BERGER
Unternehmensgeschichte / Drei Wurzeln – ein Unternehmen

Rüdi-Net
100 Jahre Rüdesheimer Platz / Seine Geschichte in Stichworten

Auf dem Campus, 09.05.2011
Schering und Berlin: Wechselwirkungen zwischen Industriekultur und Standortentwicklung / GTIV-Präsident Dirk Pinnow berichtet vom Vortragsabend „Schering in Berlin – ein Markenname ist Geschichte“

Auf dem Campus, 20.11.2010
Siemens in Berlin – der Weg zur Elektropolis: Wirtschaftshistorischer Abend im Ludwig-Erhard-Haus mit großer Resonanz / „Helfen Sie, die Wurzeln zu erhalten, liefern Sie Ihren Baustein für das wirtschaftliche Gedächtnis der Region!“

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Initiativen, Veranstaltungen abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Current ye@r *